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Attachment Parenting / Bindungstheorie

Empathie "Freche Kinder kriegen nichts.". "Kinder die was wollen, kriegen auf die Bollen.". "Ein Kind muss man sehen aber nicht hören." Bis in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, war die sogenannte traditionelle Erziehung die gängigste Methode, um ein Kind aufzuziehen. Kinder wurden stark gelenkt: Sie mussten immer gut zuhören, was gesagt wurde und tun, was ihnen aufgetragen wurde. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dann allerdings immer mehr Stimmen laut, die eine Erziehung forderten, bei der Selbstentfaltung, Zuneigung und Empathie eine entscheidende Rolle spielen. Eine dieser modernen Erziehungstheorien ist Attachment Parenting.

BEGRIFF

Der Begriff Attachment Parenting geht auf den amerikanischen Kinderarzt William Sears zurück und bedeutet zu Deutsch etwa "bindungsorientierte Elternschaft". Damit wird auf den Bindungsprozess zwischen Eltern und Kind Bezug genommen.

PHILOSOPHIE

Attachment Parenting geht davon aus, dass jedes Kind ein Bedürfnis nach Vertrauen, Zuneigung und Empathie hat und dass die Eltern die Entwicklung dieser Eigenschaften fördern müssen. So wird das Kind später in der Lage sein, stabile und dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Es ist eine intuitive Art der Erziehung, bei der das Kind umsorgt und ungewünschtes Verhalten auf gewaltfreie Weise korrigiert wird. Diese Philosophie zeigt, dass mit einem liebevollen, schützenden Umfeld die Grundlage für ein erfolgreiches Leben im Erwachsenenalter gelegt wird. Ein so erzogenes Kind wird als Erwachsener unabhängig, emotional stabil und glücklich sein.

VORGESCHICHTE

Der erste, der Ideen über Bindungsprozesse entwickelte, war der britische Psychologe John Bowlby. Sein Vater starb als er vier Jahre alt war. Danach ließ die Mutter ihn hauptsächlich von Kindermädchen und Internaten erziehen. Da sie befürchtete, dass sie das Kind zu sehr verwöhnen würde, beschäftigte sie sich durchschnittlich nur eine Stunde am Tag mit ihm. Bowlby wurde durch diese Erfahrung traumatisiert und war als Erwachsener festentschlossen, bei der Erziehung seiner Kinder keine Minute zu verpassen. Der Kern seiner Philosophie besagt daher auch, dass Eltern 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche bei ihren Kindern sein müssen.

In den 1960ger Jahren entwickelte Mary Ainsworth den sogenannten "Fremdsituationstest". Bei diesem Test spielt das Kind zwanzig Minuten lang, während ein Elternteil und ein Fremder abwechselnd den Raum betreten und wieder verlassen. Man beobachtet, wie stark das Kind sich für das unbekannte Spielzeug interessiert und wie es auf das Kommen und Gehen des Elternteils reagiert. Der Test erfasst vier verschiedene Bindungstypen. 60 bis 70% der Kinder haben eine stabile Bindung, d.h., dass sie an ihren Eltern hängen aber zugleich auch Interesse für ihre Umgebung zeigen. Bei zwei anderen Bindungstypen haben die Kinder eine zu starke bzw. zu schwache Bindung, wodurch sie zu wenig bzw. zu viel selbst untersuchen. Bei dem letzten Typ lassen sich widersprüchliche Handlungen und Emotionen bei den Kindern feststellen, die möglicherweise auf traumatische Erfahrungen zurückzuführen sind.

ATTACHMENT PARENTING NACH SEARS

Ende der 1970ger Jahre wurde der Begriff Attachment Parenting geboren. Nachdem er sieben Jahre lang mit Kindern und Eltern gearbeitet hatte, begann Kinderarzt William Sears eine Methode zu entwickeln, bei der die liebevolle Elternschaft und eine harmonische Beziehung zu dem Kind im Mittelpunkt standen. Er nannte hierbei acht Ideale, mit denen das geistige und körperliche Wohlbefinden des Kindes optimiert wird.

Kontakt nach der Geburt

Eltern müssen sich körperlich und seelisch auf die Geburt vorbereiten und nach der Geburt in Kontakt mit ihrem Baby bleiben. Wenn der Kontakt aus medizinischen oder sozialen Gründen kurzfristig unterbrochen wird, muss er so schnell wie möglich wiederhergestellt werden.

Zeichen

Eltern müssen gut auf die Zeichen ihres Kindes achten. Wenn das Kind schreit, darf es nicht allein gelassen werden, sondern muss umsorgt werden. Da viele Babys ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, bevor sie anfangen zu schreien, wird ein Kind glücklicher sein, wenn die Eltern diese Bedürfnisse rechtzeitig erkennen und danach handeln.

Stillen

Stillen gilt als ideale Methode, um das Kind zu ernähren und zugleich seine emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Kind muss dazu ermutigt werden, nur dann zu essen, wenn es hungrig ist und aufzuhören, wenn es satt ist. Bekommt ein Kind Flaschennahrung, sollte es so häufig wie möglich von den Eltern gefüttert werden. Auch hier gilt, dass das Kind nur dann Nahrung bekommen sollte, wenn es Appetit hat.

Körperkontakt

Ein Kind hat das Bedürfnis nach körperlicher Nähe, Stimulation und Geborgenheit. Berührungen erfüllen all diese Bedürfnisse. Man kann dabei an Stillen denken, das Kind baden, Massage und ein Kind so viel wie möglich am Körper tragen. Für letzteres gibt es z.B. Tragetücher, mit denen die Eltern beide Hände frei haben.

Körperkontakt in der Nacht

Die Eltern können das Kind am besten zu sich ins Bett nehmen oder ein Stillbett neben das elterliche Bett stellen. Schlaftraining ist tabu, da es einen schlechten Einfluss auf Körper und Seele des Kindes hat.

Positiv verbessern

Wenn auf unerwünschtes Verhalten nicht mit Aggressionen reagiert wird, sondern dieses Verhalten auf positive Weise korrigiert wird, entwickelt das Kind Empathie. Ein Kind, das mit Respekt behandelt wird, behält seine Würde, wodurch es später die Fähigkeit haben wird, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Trennung vermeiden

Babys und Kleinkinder haben ein starkes Bedürfnis nach Kontakt zu den Eltern. Regelmäßige Trennungen oder eine Trennung über einen längeren Zeitraum müssen so weit wie möglich vermieden werden. Wenn eine Trennung unvermeidlich ist, empfiehlt es sich, eine andere Kontaktperson, die eine enge Bindung mit dem Kind hat, mit der Aufsicht zu betrauen.

Ausgeglichenheit

Persönliche Ausgeglichenheit und Ausgeglichenheit innerhalb der Familie sind wichtig. Ausgeglichene Eltern reagieren mit konstruktiven Gefühlen. Sie müssen so gut wie möglich für die Erfüllung der individuellen Bedürfnisse von anderen sorgen, ohne dass dies auf Kosten ihrer eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit geht. Noch ein Schritt weiter

Noch ein Schritt weiter

Einige Anhänger von Attachment Parenting gehen noch einen Schritt weiter. So gibt es Frauen, die darauf bestehen, ihr Kind ohne die Anwesenheit eines Gynäkologen und ohne Narkose zu Hause auf die Welt zu bringen. Die Tiere in der freien Natur bringen ihre Jungen schließlich auch auf die Welt, ohne dass ein Arzt dabei ist, so argumentieren sie. Außerdem befürchten sie, dass ein medizinischer Eingriff die Gesundheit ihres Kindes gefährden könnte. Eine nicht geringe Zahl von Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen. Sie glauben, dass es besser ist, auf natürlich Weise mit Krankheiten umzugehen. Solche Eltern entscheiden sich häufig auch für Privatunterricht, weil sie befürchten, dass eine normale Schulausbildung sich negativ auf das Band zwischen ihnen und ihrem Kind auswirken könnte.

Auch lassen einige Eltern zu, dass ihr Kind körperliche Gewalt gegen sie anwendet. Ihrer Meinung nach lernt ein Kind erst dann, Respekt vor seinen Eltern zu haben, wenn es selbst mit Respekt behandelt wird. Wenn ein Kind seinen Vater oder seine Mutter schlägt, dann ist es die Aufgabe der Eltern herauszufinden, warum das Kind dies getan hat und hieraus eine Lehre zu ziehen.

Schließlich gibt es noch Eltern, die ihrem Kind keine Windel anlegen. Sie denken, dass sie als Eltern die Zeichen ihres Kindes erkennen müssen, mit denen es signalisiert, dass es sein Bedürfnis erledigen will. An jedem "Unglück" auf dem Flur haben die Eltern daher auch selbst Schuld, meinen sie.

KRITIK

Jede Erziehungsmethode hat ihre Befürworter und Kritiker. So auch Attachment Parenting. Manche Menschen denken, dass die Eltern bei Attachment Parenting zu stark belastet werden, da sie dem Kind ständig ihre Aufmerksamkeit widmen müssen. Da es in der Praxis meist die Mutter ist, die sich am stärksten aufopfern muss, sind Feministen der Meinung, dass es für Attachment Parenting-Mütter so gut wie unmöglich ist, zu arbeiten und dass diese Mütter daher zur Vollzeit-Mutterschaft verurteilt werden.

Andere geben zu bedenken, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass mit Attachment Parenting auf lange Sicht bessere Ergebnisse erzielt werden als mit konventionellen Erziehungsmethoden. Nach Meinung des Psychologen Jerome Kagan versäumt Attachment Parenting, die angeborenen Charaktereigenschaften des Kindes zu berücksichtigen. So werden Eigenschaften wie Schüchternheit teilweise vererbt, und das ist ein Aspekt, dem bei dieser Erziehungsmethode keine Beachtung geschenkt wird. Auch können Kinder durch ihre angeborenen Charaktereigenschaften beim Fremdsituationstest abweichende Ergebnisse erzielen.

Viele Menschen glauben, dass es sehr gefährlich ist, mit Kindern in einem Bett zu schlafen. Die Mutter oder der Vater könnte sich im Schlaf auf das Kind drehen, was verheerende Folgen nach sich ziehen kann. Auch kann ein Kind sich in der Bettdecke verheddern. Kinderärzte befürchten einen Zusammenhang zwischen dem Schlafen von Babys im elterlichen Bett und dem Wiegentod. Ein Stillbett wird von Kinderärzten hingegen durchaus empfohlen.

EIGENE IDEEN

Natürlich ist die Realität nicht so schwarz-weiß, dass Eltern die Attachment Parenting-Methode entweder ganz oder gar nicht anwenden. Viele Eltern fühlen sich von einigen Punkten angesprochen, von anderen hingegen weniger. Für die Eltern besteht die Kunst darin, ihr Kind so zu erziehen, dass es dabei sowohl ihnen selbst wie auch ihrem Kind gut geht. Wenn Ihnen dies gelingt, dann erbringen sie als Eltern eine mehr als hervorragende Leistung